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Digitalisierung des Güterverkehrs

Future
Berlin – 26. März 2020

Die Digitalisierung sorgt seit Jahren für Kosteneinsparungen bei der Herstellung, Wartung und Automatisierung von Technik und Prozessen. Doch beim Schienengüterverkehr steckt die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen. Es herrscht akuter Handlungsbedarf, denn in der Schiene steckt großes Potenzial, Emissionen in den nächsten Jahren einzusparen.

Digitalisierung gleich Kosteneinsparung bei Herstellung, Wartung und Automatisierung von Technik und Prozessen. Die Erkenntnis ist nicht neu und bereits für viele Sparten des Alltags bestätigt – zum Beispiel unter der Bezeichnung Smart Technology. Im Güterverkehr ist sie jedoch noch lange nicht angekommen. Die Unsicherheiten, die aktuell mit dem Schienentransport verbunden sind, führen in Deutschland zu vermehrtem Einsatz von LKWs. „Die große Stärke des Lkw ist seine Flexibilität. Für jede gesperrte Autobahn gibt es Umleitungen – auf der Schiene nicht. Das ist fatal“, berichtet Matthias Roeser vom Netzwerk Europäischer Eisenbahnen e.V. (NEE). Nicht überraschend resultiert ein enormer Marktanteil der Lkws im Güterverkehr: Das Verkehrsmittel Lkw liegt bei 71 Prozent, der Bahn-Güterverkehr bei nur circa 18 Prozent.

Die digitale automatische Kupplung (DAK) ist überfällig

Eine bedeutende Umlagerung auf den Güterverkehr würde die Emissionen im Gütertransport stark verringern. Einen Lichtblick lieferte das Schienengüterverkehrsforum, das Anfang Februar in Berlin stattfand. Hier wurde die Wirtschaftlichkeit von Innovationen in der Bahnbranche sowie der der Einfluss einer damit verbundenen Attraktivitätssteigerung der Verkehrsträger unter die Lupe genommen. Das größte Potenzial birgt die Einführung einer digitalen und automatischen Kupplung (DAK). Denn obwohl mögliche Technologielösungen bereits existieren, werden Güterzüge im Einzelwagenverkehr in Deutschland aktuell noch mit der Hand gekoppelt: Ein Rangierer geht den Zug entlang und hängt den Haken für die Kupplung der Wagen per Hand ein. Kleiner Exkurs: Der Begriff „Einzelwagenverkehr“ bezeichnet Güterwagen, die von verschiedenen Kunden stammen und in einem Rangierbahnhof zu Zügen zusammengekoppelt werden. Diesen Prozess als veraltet zu beschreiben ist verharmlosend. Immerhin wird hier eine Technik aus Anno 1870 angewandt.

Die Digitalisierung des SGV braucht europäische Zusammenarbeit

Um das von der Regierung ausgegebene Ziel, bis 2030 den Anteil des Güterverkehrs in Deutschland auf 25 Prozent zu steigern, zu erreichen, ist jedoch nicht nur die technische Entwicklung relevant. Auch ein Umdenken der Großunternehmen in der Branche ist nötig. "Es werden immer mehr Unternehmen überlegen, im Zuge der 'Green Logistics' – also sauberer Transportwege – auf die Schiene zu gehen", so Staatssekretär Enak Feldmann (CDU). Die Digitalisierung ist bei diesem Vorhaben ein wichtiger Hebel. Die Deutsche Verkehrszeitung stellt in einer aktuellen Ausgabe nicht weniger als 28 Vorteile der digitalen Kupplung heraus. Hierzu gehört unter anderem die automatische Zugbildung- und Auflösung, die automatische Bremsprobe oder der Einsatz einer schnellen Bremstechnik.

Scheitert es am Geld?

Ungelöst ist bisher die Frage der Finanzierung. Pro Wagen werden die Kosten für eine Umrüstung auf 20.000 Euro geschätzt – die Gesamtkosten für die Umrüstung in Deutschland lägen allein bei sieben bis zehn Millionen Euro. „Das kann der Sektor allein nicht stemmen“, äußert Dirk Flege, Geschäftsführer beim Branchenverband Allianz pro Schiene. Die Bundesregierung versicherte, dass sie finanzielle Unterstützung leisten möchte. „Wir müssen das auf europäische Ebene heben“, betont der Staatssekretär Feldmann. Für ein funktionierendes europäisches Netz ist dringend vonnöten, dass die DAK international eingeführt wird, sonst – so Johan Feindert, CEO des Waggonvermieters GATX Europe, „werden wir wieder scheitern“. Zur Realisierung bedarf es nach Feindert einer starken politischen Richtungsvorgabe: „Die Politik muss die Stimme des Schienengüterverkehrs werden.“

Elektrifizierung muss vorangetrieben werden

Eine weitere Hürde stellt die Suche nach einer passenden Lösung für den Datenaustausch zwischen Anbietern, Dienstleistern und Kunden dar. Eine Möglichkeit bietet laut „Fortras“ (Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft für Transportwesen) ein EDI-Standard (electronic data interchange) zum Datenaustausch zwischen Speditionen, mit der die Branche bereits seit den 1990er-Jahren arbeitet. Zudem steht die nicht vollständig umgesetzte Elektrifizierung des Streckennetzes im Weg. Aktuell sind 60 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert, also mit einer Oberleitung ausgestattet, und damit für den Betrieb von E-Loks geeignet. Bis 2025 sollen es 70 Prozent sein. Es wird gegen Altlasten gekämpft.

Ab Juli 2020 hat Deutschland den EU-Ratsvorsitz inne und kann ihren Einfluss auf die politische Tagesordnung ausüben. Folgen Worten schnelle Taten, könnten beim Thema Bahn-Güterverkehr wichtige europaweite Entscheidungen getroffen werden – auf der Überholspur. Auch auf nationaler Ebene wird das Thema priorisiert aufgegriffen. Der VDV widmet sich aktuell Insbesondere dem Datenaustausch zwischen den Unternehmen des Schienengüterverkehrs und hat sich nach einer eingehenden Analyse zum Ziel erklärt, einen sektoreigenen ‘Rail Freight Data Hub’ (RFDH) aufzubauen, um die Digitalisierung voranzutreiben.

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