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BRENNPUNKT MOBILITÄTSWENDE

PERSPEKTIVEN FÜR DEN SAUBEREN VERKEHR

Position
Berlin – 28. Januar 2022

Optimistische Blicke in die Zukunft sind gerade zum Jahresbeginn begehrt. Trotz Corona: Die Verkehrsbranche hat durchaus Anlass, positive Entwicklungen in Sachen Klimaschutz zu registrieren. Wenn es auch nur kleine Schritte sind.

Eine Rangierlok vorne, eine hinten, dazwischen drei äußerlich immer noch ansehnliche Wagen des mehr als 50 Jahre alten TEE „Rheingold”, im Schritttempo durch die verschneite Eifel unterwegs: Das viele Zuschauer anlockende Schauspiel vor ein paar Wochen war dem Umstand geschuldet, dass die drei Reisezugwagen im Dienst des Reiseveranstalters AKE Rheingold in der Flutkatastrophe im letzten Sommer in Gerolstein vom Meter hohen Hochwasser überrascht worden waren. Nun wurden sie „evakuiert”, geschleppt in eine süddeutsche Fachwerkstatt. Auch Triebzüge von DB Regio verließen Gerolstein auf dem Weg durch die Eifel, der äußerst ungewöhnlich war. Da die Eifelbahn, die Hauptstrecke von Köln nach Trier, auf 50 Kilometern von Wasser, Schlamm und Geröll zerstört ist, nutzten die Züge die Eifel-Querbahn: eine schon vor Jahren still gelegte Strecke über Daun und Kaisersesch nach Andernach zur linksrheinischen Hauptstrecke Köln – Koblenz – Mainz.

Das Glück im Unglück: Die Schienen liegen noch, eine Brücke erwies sich als standfest genug, und so musste vor den Fahrten lediglich das inzwischen gewachsene Gehölz auf der Trasse entfernt werden. Der Schienenweg nach Gerolstein könnte in den nächsten Jahren auch für Bauzüge genutzt werden, um einen weiteren Zugang zur Erneuerung der Eifelbahn zu haben.

Das wieder benutzte Gleis weckt zudem Fantasien: Tourismusverkehr mit Schienenbussen schon in diesem Sommer, vollständige Reaktivierung nach einigen Baumaßnahmen, die nach Ansicht von Fachleuten vor Ort in erschwinglichem Rahmen bleiben könnten. Mittel könnten fließen aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz. Die Kreisstadt Daun ist die letzte in Deutschland ohne Bahnanschluss; so kämen auf die Querbahn im Zeichen des Klimaschutzes wichtige Verkehrsaufgaben zur Erschließung der Eifel zu. Das wird vor Ort so gesehen, und auch in der Verkehrspolitik im fernen Mainz, der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, gibt es viele Befürworter.

Entschieden ist noch nichts, doch die Aussichten, das in den letzten Jahrzehnten immer weiter geschrumpfte deutsche Schienennetz hier um gut fünfzig wieder belebte Streckenkilometer zu erweitern, sind ein positiver Ansatz für die Verkehrswende. Zu den optimistisch stimmenden Lehren aus der Katastrophe in der Eifel zählt eine weitere Erkenntnis: Trotz des Totalverlustes von viel Bahninfrastruktur standen die Zeichen – ob im Ahrtal oder in der Voreifel – überall von Anfang an auf Wiederaufbau. Das wäre vermutlich vor Jahren noch anders ausgegangen, und eine Stilllegung der zerstörten Strecken wäre nicht unwahrscheinlich gewesen.

Im Juli 2021 wurden die Gleise im Ahrtal bei Heimersheim durch die Flut zerstört. Der erste Streckenabschnitt der stark zerstörten Ahrtalbahn zwischen Remagen und Ahrweiler wurde am 8. November 2021 wieder in Betrieb genommen.

Planvoll Stadt und Land auf der Schiene zu verbinden, wieder zu verbinden, ist auch das Tram-Train-Konzept, das seit über einem Vierteljahrhundert mit der Albtalbahn den Schienenverkehr in Nordbaden mit Karlsruhe als Zentrum attraktiv macht. Auch das ist eine positive Nachricht zum Jahresbeginn: Gut 500 hoch moderne Stadt- und Straßenbahnen wird der Schweizer Hersteller Stadler (mit einem Werk in Berlin-Pankow) in den nächsten zwölf Jahren produzieren. Er sicherte sich in der europäischen Ausschreibung den Großauftrag, der in sieben Nahverkehrsnetzen in Deutschland und Österreich nach und nach die Mobilitätswende mit zeitgemäßen Bahnsystemen einläuten wird. Für das Tram-Train-Konzept gibt es sicher weitere Strukturen von Stadt und Land, die auf diese Weise Alternativen zum Auto anbieten können. Und das unter Einbeziehung jener ländlichen Regionen, in denen die Politik den motorisierten Individualverkehr meist immer noch für unverzichtbar hält.

Alle Welt redet von Elektromobilität und denkt dabei überwiegend an das Auto. Übersehen wird dabei vielfach, dass der ÖPNV längst die Vorreiterrolle beim Abschied vom Verbrenner übernommen hat. Auch hier gibt es eine positive Perspektive für die Mobilitätswende: Die Anzahl von Elektrobussen, sei es mit Batterie-Antrieb oder mit Wasserstoff und Brennstoffzelle, nimmt beständig zu. Addiert man bereits im Einsatz befindliche E-Busse und die weiteren Bestellungen von sauberen Fahrzeugen zusammen, ist nach Ermittlungen des VDV in den nächsten Jahren bereits ein Fünftel der Flotten elektrifiziert. Dank der regen Nachfrage der Verkehrsunternehmen sind aber die aktuellen staatlichen Finanzspritzen für die Beschaffung sauberer Busse derzeit ausgeschöpft. Für den Abschied vom Dieselmotor wird die Politik deshalb nachlegen müssen – neben den großzügigen Förderungen für private PKW eben auch bei den Bussen.

Foto: Eberhard Krummheuer

ÜBER DEN AUTOR

Eberhard Krummheuer fährt seit Kindesbeinen mit Bussen und Bahnen. Erst mangels Familienauto, dann trotz Familienauto. Der öffentliche Verkehr beschäftigt ihn sein Berufsleben lang als Journalist, viele Jahre als Redakteur der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt”. Nun kommentiert er für Deutschland mobil 2030 aktuelle Entwicklungen in Sachen Mobilität und Logistik.

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